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Kann ChatGPT eine Traurede schreiben – und wozu braucht es dann noch eine freie Rednerin?

7. Okt.
4 Min. Lesezeit
KI generiertes Bild von mir am Schreibtisch in meine Arbeit vertieft.
KI Unterstützung beim Foto, denn eines wo ich tatsächlich so entspannt am Schreibtisch sitze, habe ich nicht von mir

Ja. ChatGPT kann eine Traurede schreiben.

Das sage ich als freie Rednerin ganz ohne beleidigte Berufsehre. Wer einer KI genügend Informationen über ein Paar gibt, bekommt innerhalb weniger Sekunden einen ordentlich aufgebauten Text – romantisch, humorvoll, emotional oder feierlich. Man kann ihn kürzen, umformulieren, Anekdoten ergänzen oder verschiedene Einstiege ausprobieren lassen.

Wozu braucht es dann eigentlich noch mich?

Die Frage ist berechtigt. Und ich glaube, wir freien Rednerinnen und Redner müssen uns ihr stellen.

Denn eine schöne Zeremonie besteht aus sehr viel mehr als aus einem schönen Text.


Eine Geschichte entsteht nicht aus einem Fragebogen

Natürlich arbeite auch ich mit Fragen. Vor den ausführlichen Gesprächen mit meinen Paaren nutze ich einen Fragenkatalog, den ich individuell anpasse.


Aber dann sitzen wir uns gegenüber und reden. Und genau da passiert oft das Entscheidende.

Jemand erwähnt im Nebensatz eine Person, eine Erinnerung oder eine kleine Begebenheit und ich merke: Da steckt mehr dahinter. Also frage ich nach.

Manchmal nimmt das Gespräch dadurch eine unerwartete Richtung. Vielleicht taucht immer wieder eine verstorbene Person auf, die noch sehr präsent ist. Vielleicht entdecke ich ein Symbol, das sich durch die gemeinsame Geschichte zieht. Vielleicht verändert sich beim Erzählen plötzlich die Stimme und ich merke: Hier sind wir an einem wichtigen Punkt.

Das steht in keinem ausgefüllten Fragebogen. Es entsteht im Gespräch.


Natürlich kann man auch einer KI sehr viele Informationen geben. Sie kann Zusammenhänge erkennen und Material sortieren. Was sie aber nicht erlebt, ist dieser Moment zwischen zwei Menschen. Sie sieht nicht, wie jemand reagiert, und spürt nicht, ob ich vorsichtig nachfragen darf oder besser nicht.


Und selbst wenn ich etwas erfrage, bedeutet das noch lange nicht, dass es später in der Rede vorkommt.


Nicht alles, was interessant ist, gehört in eine Traurede

Eine persönliche Rede bedeutet für mich nicht, möglichst viele intime Details über ein Paar zu erzählen. Im Gegenteil: Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist die Auswahl.

Was erzählt etwas über diese beiden Menschen? Was darf humorvoll sein? Was berührt, ohne blosszustellen? Und was ist wichtig für ihre Geschichte, gehört aber trotzdem nur ihnen?

Auch schwierige Themen können ihren Platz haben. Der Ton muss dabei immer wertschätzend bleiben.


Manchmal merke ich erst beim lauten Sprechen, dass eine Passage nicht funktioniert: Der Rhythmus stimmt nicht, ein Gedanke bekommt zu viel Raum, ein anderer zu wenig, ein Wort wiederholt sich zu oft. Deshalb übe ich meine Reden laut. Bei drei Teenagern daheim ernte ich dafür schon das eine oder andere Augenrollen.


Eine Traurede ist schliesslich kein Text zum Lesen. Sie ist dafür geschrieben, gehört zu werden.


«Wie lange kennst du die beiden eigentlich schon?»

Eines der schönsten Komplimente nach einer Trauung ist die Frage:«Sag mal, wie lange kennst du die beiden eigentlich schon?»

Meistens lautet die Antwort: gar nicht so lange. Aber nach vielen Gesprächen, Fragen und Stunden am Text sollte es sich so anhören, als würde dort jemand stehen, der dieses Paar wirklich kennt.

Die Gäste sollen ihre Freunde oder Familienmitglieder wiedererkennen, über typische Geschichten lachen, gerührt sein und gespannt zuhören.

Nur eines möchte ich nicht: dass jemand nach zehn Minuten gedanklich schon beim Apéro ist.

Eine Rede kann sprachlich perfekt sein und trotzdem nichts auslösen. Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied.


Und dann kommt der Hochzeitstag

Bis hierhin haben wir eigentlich nur über die Rede gesprochen. Eine freie Rednerin schreibt aber nicht einfach einen Text und liest ihn vor. Sie führt durch eine Zeremonie.

Und dabei passiert Unerwartetes: Kinder haben plötzlich genug, Technik streikt, Musik startet nicht, jemand kommt zu spät oder die Ringe sind gerade dort, wo niemand sie vermutet. Wie man damit umgeht, ist einen eigenen Blogbeitrag wert.

Manchmal sind solche Überraschungen aber auch wunderschön.


Bei einer Trauung brachte mir kurz vor Beginn jemand ein selbst gemaltes Bild des Brautpaares und fragte, ob wir es einbauen könnten. Das stand nicht im Ablauf. Also musste ich spontan entscheiden: Passt das? Wo passt es? Und wie integriere ich es, ohne dass es aufgesetzt wirkt? Am Ende war es genau richtig.

Bei einer anderen Hochzeit kam die Braut nicht langsam und feierlich auf ihren Bräutigam zu wie abgesprochen, sondern sprintete regelrecht zu ihm.


Ich kann dann stur am vorbereiteten Ablauf festhalten. Oder ich nehme wahr, was gerade passiert, und gehe mit dem Moment.

Genau das macht eine Zeremonie lebendig.


Ein schöner Text allein ist noch keine Zeremonie

Deshalb sehe ich einen Unterschied zwischen einer professionell geleiteten freien Trauung und der Idee: «Wir lassen ChatGPT etwas schreiben und eine Freundin liest es vor.»

Kann das funktionieren? Natürlich. Wer gut spricht, Präsenz hat und dem Paar nahesteht, kann daraus etwas Wunderschönes machen.

Aber einen Text vorzulesen und eine Zeremonie zu führen, ist nicht dasselbe. Blickkontakt, Stimme, Pausen, Tempo, Präsenz und das Gespür dafür, wann ein Moment Raum braucht, verändern die Wirkung.

Hinzu kommt etwas, das ich besonders schön finde: Mein Paar hört seine Rede bei der Zeremonie zum ersten Mal.

Den Ablauf kennen beide. Wir haben besprochen, was sie sich wünschen, welchen Ton die Zeremonie haben soll und welche Elemente dazugehören. Aber die eigentliche Rede kennen sie nicht.

Die Überraschung gehört dazu und ergibt manchmal die schönsten Emotionen.


Nutze ich selbst KI wie ChatGPT?

Ja.

Und ich finde es unehrlich, KI grundsätzlich schlechtzureden.

Wenn vor mir fünfzig Seiten Gesprächstranskript liegen und ich eine bestimmte Stelle suche, kann sie enorm hilfreich sein. Auch für Denkanstösse oder Varianten nutze ich sie gern.

KI kann sortieren, suchen und Ideen anstossen. Sie ist ein Werkzeug.

Genau so möchte ich sie einsetzen: als Werkzeug.

Wenn ich mir komplette Reden generieren lasse und sie nur noch leicht umformuliere, entsteht schnell sprachlicher Einheitsbrei. Und das wäre ziemlich genau das Gegenteil dessen, wofür ich freie Zeremonien liebe.


Wird KI freie Rednerinnen ersetzen?

KI wird meinen Beruf verändern.


Menschen werden häufiger ihre eigene Rede mit KI erstellen und sich fragen, warum sie dafür noch eine freie Rednerin brauchen. Bei manchen Zeremonien wird das funktionieren.

Aber eine gute Zeremonie braucht mehr als einen guten Text: zuhören, Menschen lesen, Stimmung wahrnehmen, Humor dosieren, Ruhe bewahren, spontan reagieren und einen Raum halten.


Dafür bezahlen meine Paare nicht einfach für einige Seiten Text. Sie bezahlen für Gespräche, Vorbereitung, Auswahl, Schreiben, Verwerfen, Üben und dafür, dass am Hochzeitstag jemand vorne steht, der den Plan kennt und ihn trotzdem loslassen kann, wenn der Moment es verlangt.


Vor allem aber bezahlen sie dafür, dass ihre Zeremonie wirklich ihre ist.

Und das sollte man nicht nur hören. Man sollte es spüren.

 
 
 

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